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Geschrieben am 2004-03-10 12:30:47 von Bundesligaskandal  

Real Madrid ist einzigartig und nicht kopierbar und: Real Madrid existiert in dieser Form (wieder) erst seit ein paar Jahren.

Erst seit wieder überragende MittelfeldSPIELER in so grosser Anzahl existieren, seit die Ausweitung der Interpretation des passiven Abseits die Räume zwischen den Abwehrreihen wieder geöffnet hat, seit die restriktivere Ahndung von verletzungsbringenden Tackles die Philosophie gerade auch im spanischen Fussball (man denke an monatelange Ausfälle von Maradona oder Schuster) geändert hat, ist es möglich, eine solche Philosophie umzusetzen, ohne gleichzeitig auf Titel zu verzichten.
Die Konsequenz des Präsidenten Perez (der hier auch noch zu kritisieren sein wird) war entscheidend für die Realisation eines Kindertraums von der Mannschaft der besten Spieler, des schönsten Fussballs, der auch noch gewinnt.

Der aber auch seine eigene Schlagbarkeit bekämpfen muss: der Sieg folgt mitnichten automatisch, der Superheld hat verwundbare Stellen und Geniestreiche der Protagonisten retten die Mission oft erst in letzter Sekunde vor dem bösen Absturz.

Ein Spiel von Real Madrid ist immer ein Spektakel: entweder zeigen die Superkünstler was sie können, oder ein engagierter Aussenseiter bringt das Team mit einer Klasseleistung in Schwierigkeiten - oder beides auf einmal.
Die gleichzeitige Grösse und Schlagbarkeit von Real Madrid ist das tatsächliche Geschenk an den Fussball, den diese schenkt uns gleichzeitig das Spektakel der Künstler und den ernsthaften sportlichen Wettbewerb, denn ihr Sieg ist alles andere als sicher.

Bayern München hat öfter versucht, dem Fussball auch Schönheit abzugewinnen, ist aber immer wieder an der fehlenden Akzeptanz der Niederlage gescheitert. Als die Hoeness&Co im Sommer 2002 angesichts der neuen Auswärtstrikots und der Zugänge Deisler, Ballack und Ze Roberto das weissse Ballett ausriefen, war die Begeisterung über die ersten Auftritte gross. Als die neu zusammengewürfelte Mannschaft, noch ohne gewachsene Stabilität, aber in der Champions League gegen eine jahrelang entwickelte Einheit aus La Coruna unterlag, wurde der Versuch kurzerhand in sein Gegenteil gedreht: Eine beispiellose Zu-Null Serie in der Bundesliga sicherte einen deutschen Meistertitel mit einem zuvor nur selten gesehenen Vorsprung. Eine vernichtende Dominanz auf dem Platz erstickte das Spiel des Gegners und brachte Resultate: der in die Kritik geratene Trainer rettete sich so und der intern in Handlungsnot getriebene Manager verschaffte sich Luft.

Es war eine Notbremse die dem Erwartungsdruck der deutschen Fussballöffentlichkeit entsprach. Und die damit auch weit tiefer gehende Paradigmen des Denkens transportierte: Von einer Supermannschaft wird erwartet, dass sie eben alles gewinnt. Sie muss unangreifbar sein. Sie darf keine Schwäche haben.
Dahinter steht eine Angst vor dem Verlieren, die viele gesellschaftliche Prozesse in Deutschland kennzeichnet und die auch ihren Beitrag zur Reform- und Wirtschaftskrise geleistet hat.

Entscheidend ist der Unterschied der Definition von Stärke zwischen Real Madrid und Bayern München: für die deutschen Kommentatoren ist es ein Zeichen von Schwäche, weniger starke Abwehrspieler zu haben, denn es macht die Mannschaft angreifbar. Statt das sie mit 60 Punkten Vorsprung Meister wird, wie es sich für solche Namen gehört, kann sie sogar ganz leer ausgehen.

Für die Philospohie der derzeitigen Madrid-Macher ist es aber eben ein Zeichen von Stärke, sich gerade mit dieser Zusammensetzung dem Wettbewerb zu stellen.
Der Torero macht den Stierkampf erst zum Spektakel, indem er den Stier mitspielen lässt, sich der Gefahr aussetzt, zu verlieren.

Natürlich sind dies überzeichnete Klischees, bei Real Madrid würde man genauso nervös, wenn man keine Titel gewinnt, wie anderswo auch. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen schickte man viele Spieler weg, die das fragile Gerüst der 'Königlichen' durchaus gestärkt hätten.
Berücksichtigt sind auch nicht durchaus vorhandene interne Spannungen über den Kurs, auch politischer Natur.
Vielleicht sollte man es einfach als glückliche Fügung schätzen, dass verschiedene Klubs mit verschiedenen Philosphien in die Rollen des verletzbaren Märchenprinzen, des gierigen Titelsammlers, oder des taktisch hinterhätigen 0:1 Schurken (italienischer Fussball aus spanischer Sicht) schlüpfen.

Die Spanier gefallen sich in der Rolle des Toreros, während sie der Konkurrenz aus Bayern oder Italien gerne unterstellen, diese würden, wenn sie könnten, einfach auf den Platz gehen und den Stier erschiessen.

Und so ist es, während die anderen ihrem Publikum ein Ergebnis verkaufen, in Madrid ein Fussballspiel...
Topic:   Special:

Real Madrid - Bayern München: Duell der Welten (Teil 1)

Real Madrid und Bayern München, nicht einfach ein Spiel zweier grosser Klubs, es ist ein Spiel der unterschiedlichen Wahrnehmung der Welt 'Fussball'.

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